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Tamagotchi
Piepfiep. Du kleines Stück Scheiße.
von Philip Steimel
Spielregeln
 Runde 10: Flow
 Runde 11: Joker
 Runde 12: Balance
 Runde 13: Tod
 Runde 1: Spielfigur
 Runde 2: Zeit
 Runde 3: Schummeln
 Runde 4: Gegner
 Runde 5: Spielfeld
 Runde 6: Spielzug
 Runde 7: Modden
 Runde 8: Sex
 Runde 9: Adaption



Ich spiele dich. Ich spiele mit dir. Jeden blöden Tag, damit es dir GOOD! oder GREAT! geht und nicht bloß OK. Damit du wieder blödsinnig durch dein Plastikterrarium tanzt. Du bist überhaupt nicht da. Aber jetzt quakst du vor dich hin, spielst deine trällernden Tonfolgen, während ich versuche mich zu konzentrieren. Auf mich. Auf meinen Schlaf.

Als ich die Batterie in dich reingeschoben habe, dachte ich du wärst nichts weiter als eine elektronische Puppe. Eine Puppe mit der Fähigkeit zu sterben. Eine programmierte Figur in einer programmierten abgeschlossenen Welt mit eigenen Regeln. Über die ich gebieten, mit denen ich dich bespielen kann. Eine Welt, in der du jetzt um deinen kleinen Haufen herumtanzt, von dem du meinst, ich würde ihn jetzt wegmachen.
Als ich die Batterie in dich reingeschoben habe, hatte ich schon den Plan gefasst dich zu töten. Das gehört zum Spiel. Ich spiele mit Leben, das keines ist, also ist meine Aufgabe die Grenzen auszutesten, zu schauen nach welchen Regeln du lebst. Und: Sie dann zu ignorieren.

Jetzt könnte ich dir einfach die Batterie entziehen, wie du mir den Schlaf, den Kontakt in deine kleine heile Welt unterbrechen, einfach nicht mehr anrufen, dich löschen. Aber ich muss dich mit deinen Regeln besiegen. Ich muss dich in deiner Welt in dein Ende steuern, dir aktiv die Aufmerksamkeit entziehen. Dein Leben, deinen Körper so kontrollieren, dass es dich umbringt. Aber du kleines Stück pixeliger Scheiße verweigerst dich meinen Regeln.

So war das nicht geplant. Du verbiegst mich.
Du hast mich weich gemacht. Du - Stück Plastik - kennst mich offensichtlich. Jetzt kann ich dir nicht in deine kleinen Vierecke gucken und dich verenden lassen. Dabei bist du mein Spielzeug! Du wirst von mir gespielt! So ist das gedacht gewesen.
Jetzt spielst du meine Programmierung gegen mich aus. Die Moralfunktionen die mir Mitgefühl gebieten. Für ein fiependes Plastikei.
Du piepst, wenn ich schlafen will, weil du einen neuen Haufen gemacht hast und tanzt stolz um deine Scheiße herum.
Du spielst mit meiner Unfähigkeit einfach auszusteigen und mit Regeln meiner Welt. Du lässt mich aufstehen. Piepfiep. Du drückst mich durch das Menü und wischt dir mit mir - nein: durch mich - den Arsch ab.
Du piepst, ich laufe. Ich kann dich nicht leiden. Du verdrehst alles. Du bist keine Puppe, die erst ich animiere, der ich meinen Willen in den Körper zwinge. Du schreibst mir deinen fest in die Eingeweide. Du schreibst mich.
Ich werde dich nicht zu Ende spielen. Du kleines Stück Scheiße spielst mich. Zu Ende.


„Das Tamagotchi stellt ein virtuelles Küken dar, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern muss. Es hat Bedürfnisse wie Schlafen, Essen, Trinken, Zuneigung und entwickelt auch eine eigene Persönlichkeit. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten meldet sich das Tamagotchi und verlangt nach der Zuwendung des Herrchens. Sollte man es vernachlässigen, stirbt es [...]“ Weitere Infos findest du hier:

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